Immer mehr Menschen fühlen sich einsam

Etwa zehn Prozent der Deutschen fühlen sich einsam. Nicht nur ältere Menschen, die nach dem Tod des Lebenspartners vereinsamen, klagen darüber. Auch erstaunlich viele junge Leute, wie eine Studie belegt. Einsamkeit kann Depressionen, Schlaganfälle und Herzinfarkte begünstigen.

Eine Sendung von Alfried Schmitz und Dörte Hinrichs (Moderation), DEUTSCHLANDFUNK vom Freitag, 09.08.2019

LINK zum Beitrag im Deutschlandfunk

IFOTES Kongress 2019 in Udine

EINSAMKEIT ÜBERWINDEN – BEZIEHUNGEN AUFBAUEN

In Udine (Italien) fand vom 03. – 07. Juli 2019 der Internationale Kongress der Telefonseelsorge statt. IFOTES steht für International Association of Telephone Emergency Services, die europäische Dachorganisation aller Nottelefone für eine emotionale erste Hilfe  mit ca. 30 Mitgliedern.

Zum Thema: „EINSAMKEIT ÜBERWINDEN – BEZIEHUNGEN AUFBAUEN“ trafen sich über 1000 Telefonseelsorger*innen in Udine.

Menschen brauchen tragfähige und verlässliche Beziehungen in ihrem Leben. Das Gefühl allein oder isoliert zu sein, wird vielfach als seelischer Schmerz empfunden. In der heutigen Zeit leiden Menschen aller Altersgruppen und aus den verschiedensten Lebensbereichen unter Einsamkeit.

Der Kongress 2019 hat verschiedene Aspekte von Einsamkeit beleuchtet und mögliche Wege für einzelne Menschen und Gemeinschaften zu erkunden versucht, um mit Einsamkeit umgehen zu können. Es fanden Fachvorträge aus unterschiedlichen Fachbereichen und Workshops zum Thema statt. Zugleich war es eine Begegnungsmöglichkeit für Telefonseelsorger*innen aus vielen europäischen Ländern.

LINK zur offiziellen Seite von IFOTES 2019

Bericht eines Teilnehmers

Ausgebildet zum Zuhören

„Wir müssen reden!“ heißt die Jahresserie 2019 der Kirchenzeitungen der katholischen Bistümer Mainz, Limburg und Fulda (Glaube und Leben – Der Sonntag – Bonifatiusbote). Eine Beziehung gelingt nur, wenn man miteinander redet …. In dieser Folge geht es allerdings nicht nur ums Reden, sondern besonders ums Zuhören. Einblicke in die Arbeit der ökumenischen Telefonseelsorge in Gießen. Von Barbara Faustmann.

hier der LINK zum Artikel vom 18.06.2019: Ausgebildet zum Zuhören

Achtsamkeit und Hirnstruktur

Wenn der Ärztliche Direktor der Vitos-Kliniken Gießen-Marburg, Prof. Dr. Michael Franz,die TelefonSeelsorge Gießen/Wetzlar besucht, um über Achtsamkeit zu sprechen, entsteht eine besonders erwartungsvolle Spannung. Der Raum war voll, fast 40 Ehrenamtliche waren der Einladung gefolgt, und sie wurden nicht enttäuscht. Um den Begriff der Achtsamkeit ist im Laufe der letzten Jahre eine Industrie entstanden. Es war für die Teilnehmer wohltuend zu hören, was an dieser Art des Umgangs mit sich und der Welt aus Sicht eines Arztes in einer psychiatrischen, psychosomatischen und psychotherapeutischen Klinik dran ist.

Prof. Dr. Michael Franz (links) und Gerhard Schlett

Prof. Franz gelang es, eine interessante Mischung zu bieten: Wissenschaftliche Studien über die Wirksamkeit von Achtsamkeit und deren Nutzen im ärztlich-therapeutischen Kontext einerseits und ganz praktische Tipps für die TelefonSeelsorge in ihrem besonderen Auftrag andererseits.

Achtsamkeit ist eine Haltung und Übung, die ursprünglich aus dem Buddhismus kommt. Verschiedene buddhistische Schulen übten und perfektionierten die spirituelle Form der Achtsamkeit über die Jahrtausende. In den 1970-er Jahren legte Jon Kabbat Zinn als Gründer der Stress Reduction Clinik in den USA mit der „Mindfulness-Based Stress Reduction” (MBSR) den Grundstein dafür, Achtsamkeitsübungen in den klinischen Kontext einzubringen. Insbesondere bei der Therapie der Borderline-Störung ist hierbei regelmäßig deutlich Erfolg nachweisbar. Aber auch bei vielen anderen psychischen Erkrankungen ist positiver Einfluss in der Therapie nachweisbar.

Achtsamkeit ist nur durch Üben erfahrbar und wirksam. „Da ist das Gehirn wie ein Muskel”, so Prof. Franz in seinem Vortrag. „Dort, wo geübt wird, vergrößert sich dieser Muskel. Üben wir Radfahren, verstärkt sich Radfahrer-Hirnmuskulatur, üben wir Achtsamkeit, bildet sich eben dafür Hirn aus.” Die Wirksamkeit von Achtsamkeits-Üben auf Hirn und Psyche ist wissenschaftlich nachgewiesen.

„Wir reagieren nicht auf das, was wirklich geschieht, sondern auf die Muster, die das Geschehen in uns auslöst.”, so Prof. Franz. Das sei die Krux – keiner sieht mehr so genau hin, was wirklich gerade ist – oder ob es die Gefangenschaft in der eigenen Bewertung ist, in der Menschen gerade feststecken. Achtsamkeit beschreibt die Fähigkeit, sich von der Bewertung zu lösen. Sich von den Mustern zu lösen, von all dem, was Vergangenheit oder Zukunft betrifft. Die Menschen sollten wieder wahrnehmen, was in der Gegenwart wirklich ist. Dabei wird deutlich, warum Üben vonnöten ist. „Radikale Akzeptanz” ist eines der wichtigen Konstrukte.

Speziell für die TelefonSeelsorge erklärte Prof. Franz seine Sicht auf den Unterschied zwischen Mitfühlen und Mitleiden, für TelefonSeelsorger eine fundamentale Fähigkeit. Mitfühlen bedeutet, das Leiden eines anderen emphatisch zu verstehen. Mitleiden würde bedeuten, das Leiden des anderen auf sich zu nehmen und im Kontakt weniger handlungsfähig zu sein.

Prof. Franz wusste zu überraschen mit einigen Fragen in die Runde der begeisterten Teilnehmer. „Wissen Sie, in welchen Ländern am meisten meditiert wird?” Seine Antwort: „In Deutschland und in den USA.” Offenbar ist also Meditieren allein nicht ein Zeichen besonderer Achtsamkeit. Achtsamkeitsübungen können aber beim Meditieren unterstützen. Tatsächlich läßt sich Achtsamkeit aber beim Geschirrspülen ebenso gut üben.

Der Ärztliche Direktor der Vitos-Kliniken informierte zudem über die Einrichtung des Bündnisses gegen Depression auch in Gießen. Er setzt sich dafür ein, dass dieses Bündnis mit Leben und Engagement gefüllt werden kann. Alle Organisationen, die sich mit der Volkserkrankung Depression beschäftigen, sind eingeladen, sich mit einzubringen.

Zum Schluss leitete Prof. Franz die Anwesenden noch an, eine Achtsamkeits- und Güteübung durchzuführen. Er verabschiedete sich mit Hinweisen zu Achtsamkeit im Alltag. „Ob Achtsamkeitsübende Rotwein trinken? – Ja, natürlich. Aber nur, wenn er wirklich schmeckt.”