Eine Schicht bei der Telefonseelsorge

Bericht einer Ehrenamtlichen

Es ist ein herrlicher warmer Sommertag. Ich steige gerade aus dem Auto. Für heute Nachmittag habe ich mich entschieden, eine Schicht bei der Telefonseelsorge zu übernehmen. Ich freue mich darauf, wenn gleich mir auch noch so manches, was heute bisher gewesen ist, durch den Kopf geht.

In der Dienststelle begegne ich heute als erstes der hauptamtlichen Mitarbeiterin. Wir begrüßen uns herzlich, ich mag sie gern. Sie fragt mich, wie es mir geht. Währenddessen kommt aus unserem Dienstzimmer der ehrenamtliche Kollege, der bis jetzt Dienst hatte. Es erfolgt eine kurze Übergabe: Wie war der Dienst? Hat alles mit der Telefonanlage geklappt? Gab es etwas Besonderes?

Er berichtet, dass heute auffallend viele Kinder angerufen haben, so zum Scherz. Ja, es sind Ferien. Da kommt das vor. Ich bin gespannt, wie mein Dienst heute wird. Doch noch bin ich nicht so weit. Ich bin innerlich noch beschäftigt, was heute Vormittag auf der Arbeit war. Ich bin frühzeitig da und so mache mir erst einmal einen Kaffee, schaue kurz in die Tageszeitung, bevor ich mich meinem ersten Anruf widme. Bevor ich ans Telefon gehe, prüfe ich mich, ob ich mich jetzt ganz auf einen anderen Menschen konzentrieren kann und ganz bei ihm sein kann.

Nach ein paar Minuten meldet sich eine in etwa 35 jährige Frau. Sie spricht mit stockender Stimme und wirkt ganz tief traurig. Ihre Oma ist vor zwei Tagen überraschend gestorben. Meine Oma ist auch schon gestorben, aber ich weiß, dass meine eigene Erfahrung jetzt hier am Telefon gerade keine Rolle spielt, denn die Situation der Anruferin ist eine andere. Die Anruferin hat ihr eigenes Erleben und empfindet völlig anders als ich. Außerdem ist Telefonseelsorge anonym und so werde ich auch anonym bleiben. Aus diesem Grund werde ich auch hier nichts Konkretes oder Persönliches von der Anruferin erzählen.

Ich höre also genau zu. Die Anruferin schildert, wie alles gekommen ist und weint. Ich fühle mit, bin empathisch, halte die Trauer mit ihr aus. Am Telefon darf sie weinen, darf sie zeigen, wie sie sich fühlt. Hier muss sie nicht stark sein. Ich brauche gar nicht viel zu sagen. Einfach nur da sein. Nach einer Weile bedankt sie sich. Es hat ihr, so, wie sie sagt, gut getan, dass ihr jemand zugehört hat und ihre Trauer ausgehalten hat. Ihre Stimme wirkt jetzt wieder viel gefasster und ich bin sicher, dass sie die nächsten jetzt notwendigen Schritte gut gehen kann. Ich bin dankbar, ihr mit meiner geschenkten Zeit und meinem offenen Ohr geholfen zu haben.

Nach diesem Anruf brauche ich eine Pause. Ich setze mich erst einmal auf den Balkon und schaue ins Grüne. Das tut gut. Ein hauptamtlicher Mitarbeiter sagt mir im Vorübergehen kurz Guten Tag. Er hat heute, wie er sagt, viel zu tun, will selber gleich noch zu einer Fortbildung.
Es folgen noch weitere Anrufe. Eine Frau zum Beispiel kommt heute nicht, wie sie sagt, „in die Gänge“. Sie hat mit Depressionen zu tun und bekommt ihren Alltag nur sehr schwer geregelt.

Ein Mann mittleren Alters ruft an. Er „versteht die Welt nicht mehr“. Seine Frau ist plötzlich ausgezogen und er ist fassungslos. Dabei hat er doch, wie er sagt, alles für sie getan.

Eine ältere Frau möchte ihren Ärger loswerden. Sie ist richtig wütend. In dem Mietshaus, in dem sie wohnt, hat sie Konflikte.

Heute habe ich keinen so schweren Anruf, wie an manchen Tagen, wenn z.B. ein Anrufer anruft, dem das Leben sinnlos erscheint und er es am liebsten beenden möchte.

Meine Schicht für heute ist zu Ende. Meine Ablösung kommt auch schon. Die Dame begrüßt mich sehr freundlich. Auf der letzten Fortbildung haben wir uns näher kennen gelernt. Sie ist mir sehr sympathisch. Ich freue mich schon darauf, sie in 14 Tagen beim Dämmerschoppen wieder zu sehen. Wir wechseln ein paar Worte „zwischen Tür und Angel“, bevor ich mich verabschiede.
Heute Abend, es ist noch sehr warm draußen, werde ich noch etwas Schönes unternehmen, was mir gut tut, mich um meine Seele kümmern. Das ist nach dem Dienst für mich sehr wichtig. Ich habe viel gegeben, aber auch viel bekommen.

Aber so mancher Anruf geht mir noch nach. Einige Fragen sind für mich noch offen. Habe ich richtig reagiert? Hätte ich etwas anders machen können? Zum Glück haben wir ja nächste Woche wieder Supervision, wo ich diese Fragen stellen kann. Das erlebe ich als sehr hilfreich. Also fahre ich jetzt erst einmal nach Hause. Oh, halt, fast hätte ich es vergessen, ich habe noch ein Buch in meiner Tasche, zum Thema Depression, das ich in unserer Dienststelle ausgeliehen habe und zurückgeben wollte und vielleicht finde ich ja auch ein neues zum Ausleihen, bevor ich dann endgültig in mein Auto steige.